Frühlingswanderung in einem prähistorischen Meer
der Rheinhessischen Schweiz


16. Mai 2004


Falls jemand glaubt die Landschaft um Alzey besteht nur aus Weinbergen und eine Wanderung in diesem Gebiet kann nicht sehr abwechslungsreich sein, der irrt.

Am 16. Mai 2004 treffen sich 17 Wanderlustige der Streetmillboys am Ausgangspunkt der Wanderung, die Friedhofsmauer des Rheinhessischen Dorfes Wonsheim. Im Laufe des Vormittags hat sich der Himmel zugezogen und es ist empfindlich frisch. Dennoch ist das Hosenrepertoir heute sehr bunt gemischt von lang, mittellang, kurz, die typische 501er bis hin zur bayrischen, knapp sitzenden, kurzen Lederhose in schwarz. Der Reiseleiter M. kündigt eine sechsstündige Wanderung, -reine Laufzeit-, der Kathegorie C an. Los geht es durch die Wiesen und Felder und wir erreichen nach kurzer Strecke die Ruine einer spätgotischen Wallfahrtskirche, die sogar offen ist, nicht nur nach oben, da das komplette Dach fehlt, sondern auch zur Seite. Wie unser gebildeter Leiter zu berichten weiß, gibt es noch eine Geschichte mit einem Kopflosen in dieser Kirche, dem er aber noch nicht in diesem Jahr begegnet ist.



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Beeindruckt laufen wir weiter, langsam kommt die Sonne heraus und verwöhnt uns mit ihren warmen Strahlen, das tut gut. Interessiert nehmen wir die Vielfalt der Botanik war und bekommen von Sachkundigen aus der Gruppe sogar lateinische Fachnamen genannt. Leider schon verblühte Küchenschelle, schwarze Teufelskralle, ein Pfeil-Kleinginster, Acker-Stiefmütterchen, der lüstern leuchtende, rote Klatschmohn und vieles mehr. Selbst Heidekraut begegnen wir, was jedoch noch braun und tot den Boden überzieht. Wie heißt es in der Vorankündigung: ... durch Trockengebiete mit bizarrer Vegetation.... Über Weinberge, Hügel, Gebüsch und kleine, verschlungene Wege erreichen wir die nächste Ortschaft: Eckelsheim. Fachwerkhäuser und nette Steinhäuser bilden zusammen mit den vielen Weingütern das Ortsbild, das Weingut Mann bekam regen Anklang. Wieder in der Wiese haben wir einen schönen Ausblick zu den sanften Bergen des Taunus, dem Donnersberg und die Sonne wärmt uns, so dass Man(n) sich Erleichterung schafft.


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An einer Anhöhe, wo M. uns die Geschichte der Schlacht von Sedan aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 erzählt, rastet die Gruppe und gemütlich im Gras lümmelnd werden die mitgebrachten Leckereien verspeist. Lange darf die Rast nicht dauern, sonst schaffen wir den Zeitplan nicht und wieder geht es über die Hügel, die Vielfalt der Blumen, vorbei an einem Kriegerdenkmal aus dem 1. Weltkrieg und M. führt seine Mannen zielsicher, mal querfeldein durch die Landschaft. Schön, wenn man jemand vertrauen kann und das Verlaufen reduziert sich auf minimale Wegstrecken. Ein Stück Wald wird als sehr angenehm empfunden, da die Sonne schon ungeahnte Kraft entwickelt, vorbei an mehreren Pferdekoppeln mit übermütig schnaubenden Pferden.



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In Neu-Bamberg angekommen ersteigen wir den Burgberg und breiten uns mit schönem Blick auf einer Wiese aus. Wenn einem bis jetzt nicht warm ums Herz wurde, spätestens aber bei dieser hübsch entfalteten Männerpracht. Hinab durch das schönste Stadttor in dieser Gegend, dessen Bauweise M. an afrikanische Lehmhütten erinnert, laufen wir ein Stück an der Straße entlang, um dann wieder auf etwas breiteren Wegen weiterzuziehen, mal betoniert, grob gepflastert. Bei einem Rückblick sehen wir karge, braun schimmernde Flecken im Wald, das schlafende Heidekraut. Dann kommt wieder weicher Waldboden, hohes Gras bis wir den Hof Iben sehen. M. weist uns auf die Besonderheiten hin: Reste einer ehemaligen Wasserburg der Tempelritter, der Sitz eines Templerordens. Die kleine, runde Kirche, die in ihrer spätromanischen, frühgotischen Bauweise an die Fenster von Reims und die Elisabeth-Kirche in Marburg erinnert.


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Wir sehen erst einmal einen Bauernhof, einen offenen Kuhstall mit entsprechender Beduftung, einen nach Öl stinkenden alten Traktor und direkt daneben den Eingang in die kleine Kirche. Ehrfürchtig gehen alle Streetmillboys hinein, setzen sich und bestaunen die schlichte Einrichtung dieser Kirche mitten in einem Hof. Auf den einfachen Holzbänken liegen kleine religiöse Weisheiten herum: "Himmel und Hölle sind im Menschen." Können wir beides in uns annehmen?

Die Möglichkeit einen weiteren Berg zu ersteigen mit besonderen Ausblicken wird mehrheitlich abgelehnt und so gelangen wir weniger beschwerlich durch ein kleines Tal mit viel jungem Grün zur nächsten Ortschaft: Tiefenthal. Es folgt ein langgezogener Anstieg auf den Berg, der in der prallen Sonne etwas schweißtreibend wird und oben angekommen zu einer Rast verleitet. Wunderbar die sanften Hügel der Umgebung, leuchtende Rapsfelder und sattes Grün.



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Wieder im Wald verliert sich eine Lederhose, taucht dann aber doch wieder auf. Ein kurzes Stück Weg in die falsche Richtung wird schnell korrigiert und wieder aus dem Wald heraus geht es das letzte Stück durch das freie Feld zurück nach Wonsheim. Ankunft 18 Uhr nach ca. 20 km. Die Abschlußeinkehr findet nach einer kurzen Autostrecke in einer "Kuhkapelle" statt.

Was ist das? Das Netz meint dazu: "Kuhkapellen" nennt man in Rheinhessen mit liebevoller Respektlosigkeit die Gewölbe, in denen sich früher das Vieh und heute die Gäste der Region wohl fühlen. Im 19. Jahrhundert bauten sich hier viele Bauern ihre Kuhställe mit einem aufwändigen Kreuzgratgewölbe, das an Kirchenbauten erinnerte - daher der Name "Kuhkapelle".

Eine Wanderung, fast schon im kleineren Rahmen für Streetmillboys-Verhältnisse, mit orts- und sachkundiger, kompetenter Führung von M. Die wenigen Blasen an den Füßen sind schnell vergessen und was bleibt ist das Erlebnis eines Tages in einer bizarren und abwechslungsreichen Landschaft, die durch ein Meer in prähistorischer Zeit geprägt wurde. Das nächste Mal vielleicht mit dem Planwagen durch die Rheinhessische Schweiz?

Erlebt und beschrieben vom kleinen tiger mit Hilfe von Michael!

Bilder: Heiko